Artikel in der WAZ vom 17.11.2019

HEILIGENHAUS.  Zur Gedenkstunde zum Volkstrauertag kamen viele Heiligenahuser in die Gesamtschule. Besonders ergreifend war die Verlesung von Feldpostbriefen.

100 Jahre nach der Gründung des „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ haben die Stadt Heiligenhaus, der Heimkehrerverband und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zur Gedenkstunde zum Volkstrauertag in die Mensa der Gesamtschule eingeladen. Viele Heiligenhauser kamen, um gemeinsam der Toten der Weltkriege zu gedenken. Und es wurde auch sehr bewegend.

In seiner Begrüßungsansprache erinnerte Bürgermeister Michael Beck zunächst an die „schlimmsten Zeiten deutscher Geschichte“, in denen unzählige Frauen, Männer und Kinder „aus unserem und aus anderen Ländern gestorben sind und derer wir nun gedenken wollen.“ Insbesondere bezog sich Beck auch auf die Heiligenhauser Bürger, die verfolgt und vernichtet wurden, weil sie nicht in „das rassistische Weltbild der Nationalsozialisten passten.“

Dem Vergessen keine Chance geben

 

Frieden zu bewahren, so Beck weiter, brauche den Mut des Alltags, den jeder täglich aufbringen müsse. Dazu gehöre der Mut des Mitgefühls und des Aufeinander-Zugehens. „Es liegt an uns allen, auch in Zukunft für Frieden und Freiheit einzutreten.“

Dass dieses Ziel vielen Heiligenhausern am Herzen liegt und dem Vergessen keine Chance gegeben werden soll, bewies die hohe Zahl derer, die ihren Weg zur Feierstunde gefunden hatten – darunter die Jugendfeuerwehr Heiligenhaus. Musikalisch gestaltet wurde die Feierstunde von der Vokalen Holding Frohsinn unter der Leitung von Thomas Melcher, die mit dem „Ave Maria“ von Rombach zur Ansprache von Alt-Bürgermeister Peter Ihle überleitete.

Alt-Bürgermeister Peter Ihle berichtete von eigenen Erinnerungen

Ihle, 1937 geboren, begann seine Rede mit einem kurzen Ausflug in die eigenen Erinnerungen, und das aus einem wohlüberlegten Grund: „Die Zahl derer, die sich erinnert, wird immer geringer. Wir leben in Deutschland in einer beispiellosen Zeit des Friedens, die allermeisten kennen Kriegszeiten nur aus Erzählungen.“ Für die aktuelle politische Lage fand Peter Ihle deutliche Worte: „Wir sind mittendrin in unsäglichen Geschehnissen unserer Zeit. Ich bin fassungslos, dass Normalbürger den Staat zum Teufel wünschen.“ Unzufriedenheit mit der Politik dieser Tage dürfe niemals Grund für Rassismus sein.

Tief bewegt zeigten sich alle Anwesenden von der folgenden Verlesung von Feldpostbriefen deutscher Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Zehntklässler Hazal Kazkurt, Jan-Hendrik Kauz, Monika Makowski und Gül Alica der Gesamtschule lasen die Briefe von Männern vor, die alle nie wieder nach Hause zurückgekehrt sind. Von Verletzungen ist da die Rede, die ein Schreiben kaum ermöglichen, von Scharfschützen, gefallenen Kameraden, der Sehnsucht nach der Familie und – trotz allem – Gottvertrauen und einem Rest Hoffnung. Die Ergriffenheit war den Anwesenden ob dieses eindringlichen Vortrags der Schüler anzusehen.

Schülersprecher verlasen die Totenehrung

Chorleiter Thomas Melcher berührte das Publikum zusätzlich mit einem Auszug aus den „Liedern gegen das Vergessen“ des deutsch-jüdischen Komponisten Norbert Glanzberg, der Texte von KZ-Insassen vertont hatte. Im Anschluss an die Gedenkstunde sammelten sich die Teilnehmer vor dem Mahnmal, um dort Kränze niederzulegen und die Toten zu ehren. „Unser Leben steht als Zeichen der Hoffnung“, mahnten die Schülersprecher der Gesamtschule, Dominick von Manstein und Frieda Stein, bei der Lesung der Totenehrung und riefen auf, stets für den Frieden einzutreten.